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  • Christin Nierlich

Möglichkeiten

Aktualisiert: Feb 10

In Coaching und Prozessbegleitung mag ich besonders das Wort ‚Möglichkeiten‘. Es eröffnet andere Perspektiven, weitere Wirklichkeiten, neue Sichtweisen. Damit öffnen sich auch die Coachees und Beteiligten. Denn es geht immer wieder darum aus alten Mustern, festgefahrenen Strukturen und wenig hilfreichen Vorstellungen neue Wege zu finden.

Dank eines befreundeten Kollegen, Klaus Haasis, bin ich auf das Buch ‚Lebensmöglichkeiten entdecken”‘ von Stefan Hammel aufmerksam geworden. Stefan Hammel hat darin hypno-systemische und hypno-therapeutische Konzepte weiterentwickelt und kreativ ergänzt. Er nennt dies ‚therapeutisches Modellieren‘.

Was mich besonders begeistert, und was ich hier aufgreifen und weitergeben möchte, ist vor allem der pragmatische Ansatz, den jede*r für sich nutzen kann. Ausgangspunkt für ihn war eine Idee von Milton Erickson, der die Hypnotherapie wesentlich prägte: Wie wäre es, wenn du die Probleme die du hast, auf einem Stuhl ‚liegen lassen‘ könntest? Daraus entwickelte Stefan Hammel die Idee: Wie wäre es, wenn der Klient eigene unterschiedliche, personifizierte “Lebensmöglichkeiten” unsichtbar aus sich heraus auf unterschiedliche Stühle im Raum imaginieren würde. Wichtig und wegweisend ist dabei, dass die unsichtbar herausgestellten Personen nicht als Anteile des Klienten betrachtet werden, sondern als Lebensoptionen. So "können sie am Ende der Sitzung auch als “Geist aus der Flasche” erlöst in das Reich der Möglichkeiten zurückkehren, dem sie entstammten und sich in Luft auflösen, unter der Vereinbarung, dass der Klient sie wieder rufen kann, sollte er sie benötigen”, wie Stefan Hammel schreibt. Wären es “Teile”, würde es für den Klienten so klingen, als ob sie dauerhaft, untrennbar mit dem Klienten verbunden und zugehörig wären. Als Optionen sind sie vielmehr temporäre Persönlichkeiten, imaginiert, herausgestellt und verräumlicht aus dem inneren Erleben des Klienten.

Wenn wir uns selbst als Person mit vielen verschiedenen Identitäten begreifen, kann dies vielfältig genutzt werden. Mein Kollege Klaus Haasis, der eine Ausbildung für therapeutisches Modellieren bei Stefan Hammel gemacht hat und täglich damit arbeitet, hat mir sehr anschaulich beschrieben, wie er das Konzept des therapeutischen Modellierens auch für sich selbst nutzt:

“Manchmal ärgere ich mich über etwas, meine Frau, meine Kinder, eigene Fehler. Und ich verstehe, das bin nicht ich, sondern nur ein sperriger und belasteter Klaus von vielen Kläusen in mir. Wenn ich dann abends ins Bett gehe, gibt es einen wohlig müden Klaus, der möchte gerne schlafen, der freut sich darauf zu schlafen und weiß, dass es ihm gut tut. Es gibt vielleicht auch noch einen hoch gestimmten Klaus, der tagsüber besonders erfüllende Kundenerlebnisse hatte und auch noch andere Kläuse, die sehr friedlich und gelassen in Richtung Nachtruhe treiben. Auf dem Weg ins Bett stelle ich dann fest, dass der belastete Klaus noch voll in Erregung ist, die Gedanken kreisen um das Ärgernis, um Enttäuschung, Wut, Hilflosigkeit, was auch immer. Eine wunderbare Möglichkeit für das eigene innere therapeutischen Modellieren. Ich suche mir irgendwo einen Platz des Verweilens oder liege auch ev. schon im Bett. Dann nehme ich durch tiefes Atmen und Entspannen Kontakt zu meinen bemerkbaren inneren Kläusen auf und imaginiere sie um mich herum, sitzend oder stehend. Dann spreche ich den sperrigen und unruhigen Klaus an und sage ihm, wie gut ich verstehen kann, dass er so ärgerlich ist und auch noch eine Weile mit seinem Thema beschäftigt sein darf. Ich würde ihn dafür gerne einladen, heute Nacht im Wohnzimmer auf der Couch zu schlafen und sich dort weiter mit dem Thema zu befassen. Dann begleite ich ihn imaginierend auf dem Weg ins Wohnzimmer und schlafe tief und fest.”

Stefan Hammel schlägt vor, immer zunächst die Identitäten oder das Problemerleben zu externalisieren, also zu dissoziieren und das Möglichkeitserleben zu internalisieren. Da könnte es in unserem Beispiel die Person, die aufbleiben will und sich mit dem Problem befassen möchte, geben und die könnte man auf einen Nachtspaziergang schicken oder eben auf die Couch. Dann gibt es möglicherweise eine weitere Person, die mit guter Absicht das Einschlafen ver- oder behindert. Und eine andere, die mit einem wenig hilfreichen Vorgehen das Einschlafen verhindert. Nun können diese beiden unsichtbaren Personen ‚angesprochen‘ und mit neuen Aufträgen versehen werden: die hilfreiche Person damit, sich eine hilfreiche Strategie zu überlegen, damit die gute Absicht umgesetzt werden kann. Sie kann dann mit dieser Sichtweise wieder internalisiert werden. Und die andere, sperrige Person bekommt den Auftrag sich mit ihrem Vorgehen so stark auseinanderzusetzen, dass sie sehr beschäftigt ist. Sie bleibt damit also externalisiert, beim Nachtspaziergang oder auf dem Sofa schlafend. Als Faustregel gilt: Probleme trennen, Lösungen verbinden.

Das Vorgehen er-möglicht damit belastende Lebensmöglichkeiten aus der eigenen Beschreibung (Narrativ und Wirklichkeitskonstruktion) als Person (Identität), direkt auf einen Stuhl heraus zu setzen (Subtraktion), oder auch zu verändern (Transformation) und gleichzeitig Lebensmöglichkeiten, die stärkend erlebt werden, in das Identitätsrepertoire aufzunehmen (Addition). ‚Leute, die ich sein kann‘ werden somit im Repertoire und als Lebens-Möglichkeiten ergänzt! ‚Wie ich über mich spreche, so werde ich‘, oder ‚ich bin nicht, wer ich war, sondern wer ich nun sein möchte‘!

Wie sprichst du über dich? Wie sprichst du über dich in wichtigen Situationen? Welche Ansichten und Personen kannst du darin erkennen? Und wie könntest du dieses Narrativ verändern, also die weniger hilfreichen Lebensmöglichkeiten oder Personen außerhalb von dir sehen und dein inneres Erleben mit hilfreichen Leuten, die du sein kannst, ergänzen?


Quelle: “Lebensmöglichkeiten entdecken” von Stefan Hammel (leicht lesbar)

Kontakt: Klaus Haasis ask@klaushaasis.de




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